{"id":128,"date":"2012-12-28T21:49:15","date_gmt":"2012-12-28T20:49:15","guid":{"rendered":"http:\/\/andijah.wordpress.com\/?p=128"},"modified":"2012-12-28T21:49:15","modified_gmt":"2012-12-28T20:49:15","slug":"kleines-jubilaum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andijah.eu\/index.php\/2012\/12\/28\/kleines-jubilaum\/","title":{"rendered":"Kleines Jubil\u00e4um"},"content":{"rendered":"<p>Heute vor einem Jahr habe ich hier den ersten Beitrag geschrieben.<br \/>\nViel ist in diesem Jahr passiert, ich habe einiges ver\u00f6ffentlicht, vieles verworfen, habe Spa\u00df am Schreiben gehabt und manchmal auch \u00fcberhaupt keine Lust. <\/p>\n<p>\u00dcber jemanden, der keine Lust zum Schreiben hat, habe ich im Herbst 1999 mal geschrieben.<br \/>\nHier ist die Geschichte der Schreibblockade.<br \/>\nViel Spa\u00df beim Lesen!<\/p>\n<p>&#8222;Es ist mal wieder Zeit f\u00fcr eine neue Geschichte, sagte sein Verleger.<br \/>\nWarum schreibst du eigentlich nicht mehr? sagte seine Frau.<br \/>\nIch vermisse das Klappern der Schreibmaschine, sagte sein Sohn.<br \/>\nIch brauche neue Schuhe, sagte seine Tochter.<br \/>\nTrink noch einen, sagte sein Zechkumpan.<br \/>\nMan hat schon lange nichts mehr von ihm geh\u00f6rt, schrieb sein sch\u00e4rfster Kritiker.<br \/>\nWarum schreibst du mir keine Briefe mehr? beschwerte sich seinen Mutter.<br \/>\nFr\u00fcher hast du jeden Tag geschrieben, stellte sein Freund fest.<br \/>\nWir werden steif! meldeten seine Finger.<br \/>\nIch werde l\u00f6chrig, st\u00f6hnte sein Gehirn.<br \/>\nUnd er bekam Kopfschmerzen.<br \/>\nJeden Morgen, wenn er aufstand, sah er das erwartungsvolle Gesicht seiner Frau.<br \/>\nVielleicht k\u00f6nntest du dich heute mal wieder ins Arbeitszimmer an die Schreibmaschine setzen, sagte sie und stellte ihm eine Tasse Kaffee hin. Ich sorge auch daf\u00fcr, da\u00df du nicht gest\u00f6rt wirst.<br \/>\nRuhe bitte.<br \/>\nKeine St\u00f6rung.<br \/>\nHier sitzt ein kreativer Kopf.<br \/>\nHier, genau hier, bei der Arbeit.<br \/>\nBei der Arbeit.<br \/>\nVor langer Zeit traf das zu.<br \/>\nAber jetzt, jetzt konnte er nicht mehr.<br \/>\nEr schaffte es einfach nicht, ins Arbeitszimmer zu gehen, wo die Schreibmaschine auf ihn wartete.<br \/>\nHunderte von Seiten waren noch nicht geschrieben.<br \/>\nWir m\u00fcssen \u00fcber Ihr Konto sprechen, sagte der Sachbearbeiter bei der Bank und seufzte.<br \/>\nStell dich nicht so an, Papa. Du bist ja wie ein kleines Kind, warf seine Tochter ihm vor, und f\u00fcgte hinzu, da\u00df sie unbedingt neue Schuhe brauche.<br \/>\nDie Schreibmaschine sah ihn anklagend an, wenn er die T\u00fcr zum Arbeitszimmer einen Spalt aufmachte. Sie stand auf dem Schreibtisch, und ein wei\u00dfes Blatt Papier war bereits eingespannt. Wartete auf ihn.<br \/>\nMachte sich \u00fcber ihn lustig.<br \/>\nHielt ihm einen Spiegel vor.<br \/>\nSieh nur, so leer wie ich sind deine Gedanken.<br \/>\nDu hast keine Ideen mehr.<br \/>\nDu hast keine Energie.<br \/>\nDein kreativer Brunnen ist versiegt.<br \/>\nDu lebst in einer W\u00fcste, keine Oase weit und breit.<br \/>\nVielleicht solltest du dir eine M\u00e4tresse zulegen, schlug sein Saufkumpan vor.<br \/>\nWann hattest du zum letzten Mal Verkehr? fragte sein Freund und wurde rot.<br \/>\nHerr K., Ihr Vertrag sieht vor, da\u00df Sie uns regelm\u00e4\u00dfig etwas vorlegen, mahnte sein Verleger.<br \/>\nDamit wir es verlegen k\u00f6nnen.<br \/>\nEr schien seine Kreativit\u00e4t verlegt zu haben.<br \/>\nWenn er nur w\u00fc\u00dfte, wo er sie hingelegt hatte.<br \/>\nDie Kopfschmerzen wurden st\u00e4rker.<br \/>\nDas, was er als letztes geschrieben hatte, hatte alles bisher dagewesene in den Schatten gestellt.<br \/>\nEr w\u00fcrde nie mehr etwas so Geniales zu Papier bringen k\u00f6nnen.<br \/>\n\u00dcberhaupt war er doch nur ein St\u00fcmper.<br \/>\nWu\u00dfte nicht viel vom Handwerkszeug eines Schriftstellers.<br \/>\nKannte sich in der Weltliteratur nicht aus.<br \/>\nHatte nur irgendwann beschlossen, da\u00df Schreiben Spa\u00df machte, mehr Spa\u00df, als jeden Tag in ein B\u00fcro zu gehen und sich mit Sachen herumzu\u00e4rgern, die ihn nicht interessierten.<br \/>\nUnd es war so einfach, anfangs zumindest.<br \/>\nDie Ideen kamen, manchmal mehr, als ihm lieb waren.<br \/>\nDann sammelte er sie in einem Heft, und wenn er eine benutzt hatte, strich er sie aus.<br \/>\nEs gab bald keine neuen Ideen mehr in seinem Heft.<br \/>\nUnd er fragte sich, ob er w\u00e4hrend all dieser Jahre das Falsche getan hatte, ob sein Traum in Wahrheit nicht etwas ganz anderes gewesen war, als hauptberuflich zu schreiben.<br \/>\nAber was?<br \/>\nEr wu\u00dfte, wenn er herausfand, was es war, dann w\u00fcrden seine Probleme gel\u00f6st sein.<br \/>\nAber du wolltest doch Schriftsteller sein, seit ich dich kenne, wunderte sich seine Frau und f\u00fchrte ihn zum Arbeitszimmer.<br \/>\nSetz dich wenigstens hin und br\u00fcte an deinem Schreibtisch. Dann mu\u00df ich nicht immer dein nachdenkliches Gesicht sehen.<br \/>\nUnd er setzte sich an seinen Schreibtisch und starrte aus dem Fenster.<br \/>\nSchon wieder war es Herbst.<br \/>\nAls er das letzte Mal hier gesessen hatte, war es auch Herbst gewesen, aber das war schon viele Monde her.<br \/>\nAch ja, der Mond.<br \/>\nEin Gef\u00e4hrte in einsamen N\u00e4chten, wenn er nicht schlafen konnte, und wenn seine Finger sich weigerten, die Schreibmaschine zu ber\u00fchren.<br \/>\nVielleicht w\u00fcrde ihm ein Computer helfen.<br \/>\nAls er ging, um einen Computer zu kaufen, hielten ihn alle f\u00fcr endg\u00fcltig \u00fcbergeschnappt.<br \/>\nWozu brauchst du einen Computer, wenn du eh nicht arbeitest, fragte seine Frau.<br \/>\nK\u00f6nnen wir im Internet surfen? wollten seine Kinder wissen.<br \/>\nAber er schlo\u00df sich im Arbeitszimmer ein.<br \/>\nDer Bildschirm starrte ihn an, und er starrte zur\u00fcck.<br \/>\nStundenlang.<br \/>\nWas hatte er als Kind werden wollen?<br \/>\nEr konnte sich nicht erinnern.<br \/>\nGeh doch mal zum Arzt, riet ihm sein Freund.<br \/>\nHerr K., wir warten auf Nachricht von Ihnen, schrieb sein Verlag.<br \/>\nSie wurden langsam ungeduldig, alle wurden ungeduldig.<br \/>\nUnd auch seine Kopfschmerzen wurden ungeduldig.<br \/>\nWozu sind wir eigentlich da, schienen sie zu fragen.<br \/>\nWir k\u00f6nnen dich nicht mehr qu\u00e4len, du hast dich schon zu sehr an uns gew\u00f6hnt.<br \/>\nUnd sie verschwanden.<br \/>\nZun\u00e4chst vermi\u00dfte er sie, aber dann wandte er sich anderen Dingen zu.<br \/>\nEr wollte die L\u00f6cher in seinem Gehirn flicken.<br \/>\nEr mu\u00dfte herausfinden, was der Traum seiner Kindheit gewesen war.<br \/>\nEr suchte den Traum seiner Kindheit im Internet.<br \/>\nSeine Frau beschwerte sich \u00fcber die hohe Telefonrechnung, aber er wurde von einer seltsamen Zufriedenheit erf\u00fcllt.<br \/>\nEr f\u00fchlte sich gut.<br \/>\nUnd manchmal meinte er, ein bi\u00dfchen von der Energie zu sp\u00fcren, die er noch vor einem Jahr in sich gehabt hatte.<br \/>\nAls er ein Junge gewesen war, hatte man gerade mit der Entwicklung von Computern begonnen, und nun war es schon so weit gekommen, da\u00df selbst Laien eine solche Maschine bedienen konnten.<br \/>\nEr holte sich B\u00fccher \u00fcber Computer aus der Bibliothek.<br \/>\nEr las stundenlang und vertiefte sich in Schaltpl\u00e4ne.<br \/>\nEr redete mit seinem Computer.<br \/>\nSeine Frau schlief im G\u00e4stezimmer.<br \/>\nTrink noch einen, sagte sein Saufkumpan, nun sei doch nicht so.<br \/>\nIst der Computer wichtiger als ich? wollte sein Freund wissen.<br \/>\nDer Computer war da, wann immer er ins Arbeitszimmer kam.<br \/>\nEr wollte ihn beherrschen, er wollte der Sieger sein.<br \/>\nGenauso, wie er Worte beherrscht hatte.<br \/>\nEr begann, den Computer zu programmieren.<br \/>\nIch h\u00e4tte nicht gedacht, da\u00df du das kannst, wunderte sich seine Frau.<br \/>\nMein Vater kann Computer programmieren, erz\u00e4hlte sein Sohn seinen Freunden.<br \/>\nKaum zu glauben, was diese Maschine aus dir gemacht hat, sagte sein Freund.<br \/>\nWir stellen Ihnen hiermit ein Ultimatum, schrieb der Verlag.<br \/>\nEines Morgens wachte er auf und versp\u00fcrte einen unwiderstehlichen Drang, das Textverarbeitungsprogramm aufzurufen.<br \/>\nEr begann zu schreiben.<br \/>\nEr schrieb von den verlorengegangenen Tr\u00e4umen eines kleinen Jungen.<br \/>\nSeine Frau begann, sich wieder Sorgen zu machen.<br \/>\nEr hatte kaum Zeit zum Essen.<br \/>\nSeine Finger taten ihm weh, und dennoch konnte er nicht aufh\u00f6ren.<br \/>\nEine unsichtbare Macht hielt ihn fest, zwang ihn zu schreiben.<br \/>\nUnd er geno\u00df es.<br \/>\nEr geno\u00df es wie noch nie zuvor in seinem Leben.<br \/>\nSein Kindheitstraum hatte sich zur\u00fcckgezogen und lie\u00df ihn in Ruhe.<br \/>\nDie Worte fanden wieder den Weg zu ihm und sein Verleger schrieb enthusiastische Briefe.<br \/>\nSein Sachbearbeiter bei der Bank sprach wieder mit ihm.<br \/>\nSein Freund kam wieder regelm\u00e4\u00dfig vorbei und kommentierte den Fortgang der Arbeit.<br \/>\nUnd sein Saufkumpan schmi\u00df eine Runde nach der anderen.<br \/>\nDanke f\u00fcr die neuen Schuhe, sagte seine Tochter.<br \/>\nM\u00f6chtest du noch einen Schluck Kaffee? fragte seine Frau.<br \/>\nUnd er fragte sich, ob er noch normal war.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute vor einem Jahr habe ich hier den ersten Beitrag geschrieben. 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