{"id":535,"date":"2019-11-12T08:42:06","date_gmt":"2019-11-12T07:42:06","guid":{"rendered":"https:\/\/andijah.wordpress.com\/?p=535"},"modified":"2019-11-12T08:42:06","modified_gmt":"2019-11-12T07:42:06","slug":"12-11-1989-grenzoffnung-ganz-personlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andijah.eu\/index.php\/2019\/11\/12\/12-11-1989-grenzoffnung-ganz-personlich\/","title":{"rendered":"12.11.1989 &#8211; Grenz\u00f6ffnung ganz pers\u00f6nlich"},"content":{"rendered":"<p>In diesen Tagen erinnern sich viele Menschen an den 9. November 1989. Damals, als &#8222;sofort, unverz\u00fcglich&#8220; zu ge\u00f6ffneten T\u00fcren und Toren f\u00fchrte und Begegnungen m\u00f6glich wurden, was viele zwar ertr\u00e4umt, aber nur wenige ernsthaft zu hoffen gewagt hatten.<\/p>\n<p>Wir wohnten damals etwa 80km s\u00fcdlich der Grenze zu Th\u00fcringen. Meine <a href=\"https:\/\/andijah.wordpress.com\/2016\/03\/23\/ein-besonderer-tag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gro\u00dfmutter <\/a>war vor kurzem zu uns gezogen. Vorher hatte sie viele Jahre in einem Dorf direkt an der Grenze gewohnt. Wenige Meter hinter den letzten H\u00e4usern begann das, was die Erwachsenen Niemandsland nannten und die Orte, die wir als Kinder unter strengster Strafandrohung nie betreten durften. Die Grenze war allgegenw\u00e4rtig. Unsere \u00e4lteren Verwandten aus Th\u00fcringen lernten wir kennen, als sie alt genug waren, um &#8222;in den Westen&#8220; reisen zu d\u00fcrfen (als wir noch in M\u00fcnchen wohnten, war dieser Westen ja eher der S\u00fcden, aber wir waren halt die Westverwandtschaft). Da ich als Kind ziemlich vorlaut war (und es teilweise heute noch bin), durfte ich nie mit meiner Oma mitfahren, wenn sie nach Kahla oder Jena fuhr. Denn meine Mutter hatte Angst, ich w\u00fcrde etwas Falsches sagen und es g\u00e4be Probleme.<\/p>\n<p>Meine Oma war eine Meisterin im Paketversand. Sie hatte alle Paketmarken aufgehoben und konnte damit problemlos unseren gro\u00dfen Esstisch bedecken. Im Gegenzug bekam ich immer wieder Noten aus dem Peters-Verlag in Leipzig, und ich wei\u00df nicht, was unsere Verwandten so alles in die Wege geleitet haben, um mir immer wieder etwas zukommen zu lassen. Die Noten habe ich heute noch und halte sie in Ehren.<\/p>\n<p>Jedenfalls kam der 9. November, dann der 10. Am 11. November arbeitete ich f\u00fcr ein paar Stunden in einer B\u00e4ckereifiliale in Autobahnn\u00e4he und erinnere mich gut an den Ansturm der Kunden, die alle der Sprache nach nicht aus Franken kamen.<\/p>\n<p>Und dann war Sonntag. Und pl\u00f6tzlich klingelte es an der T\u00fcr. Drau\u00dfen eine Frau, die ich nicht kannte. Ob die Tante Else da sei, fragte sie. Meine Oma. Ja, nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich ein Freudenschrei der Oma, und von Tina, die ich ja doch kannte, wenn auch nur aus den Briefen, die sie an Oma schrieb. Und sie war nicht alleine, sondern brachte alle mit, die ins Auto gepasst hatten. Es war nicht der letzte Besuch in diesen Tagen. Alle kamen sie, und wir konnten es irgendwie gar nicht fassen, dass wir uns einfach so sehen und besuchen konnten.<\/p>\n<p>Die Grenz\u00f6ffnung war f\u00fcr uns Wirklichkeit geworden, ganz greifbar und ganz pers\u00f6nlich, und ich bin heute immer noch dankbar, dass ich das erleben durfte und dass ich diese sch\u00f6nen Erinnerungen daran habe.<\/p>\n<p>So viele tolle Menschen habe ich seither kennen lernen d\u00fcrfen und nie wieder m\u00f6chte ich solche Mauern zwischen L\u00e4ndern haben &#8211; egal, ob wir nun eine Sprache sprechen oder nicht. Mauern und Z\u00e4une in den K\u00f6pfen sind bei manchen immer noch da, oder schon wieder. Das betr\u00fcbt mich, und ich hoffe, wir schaffen es im direkten Austausch weiterhin, uns n\u00e4herzukommen und zu merken, dass Menschen einfach Menschen sind und dass das gut so ist, egal, wo jemand geboren wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesen Tagen erinnern sich viele Menschen an den 9. November 1989. Damals, als &#8222;sofort, unverz\u00fcglich&#8220; zu ge\u00f6ffneten T\u00fcren und Toren f\u00fchrte und Begegnungen m\u00f6glich wurden, was viele zwar ertr\u00e4umt, aber nur wenige ernsthaft zu hoffen gewagt hatten. 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