{"id":9,"date":"2011-12-28T18:11:54","date_gmt":"2011-12-28T18:11:54","guid":{"rendered":"http:\/\/andijah.wordpress.com\/?p=7"},"modified":"2011-12-28T18:11:54","modified_gmt":"2011-12-28T18:11:54","slug":"der-regenschirm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andijah.eu\/index.php\/2011\/12\/28\/der-regenschirm\/","title":{"rendered":"Der Regenschirm"},"content":{"rendered":"<p>\u201eMan m\u00fc\u00dfte einfach viel \u00f6fter miteinander reden. Geht es Ihnen nicht auch so? Manchmal gibt es Tage, da schie\u00dfen einem die Gedanken geradezu spruchreif durch den Kopf, und wenn man dann Zeit h\u00e4tte, sie mit jemandem zu teilen, sind sie weg. Ich glaube, wenn man sich h\u00e4ufiger trauen w\u00fcrde, Gedanken auszutauschen, w\u00fcrde man die nicht mehr so leicht vergessen, die man hat, wenn man gerade nicht spricht. Verstehen Sie, was ich meine? Warum sprechen die Menschen? Und warum schie\u00dfen diese Talkshows wie die Pilze aus dem Boden? Und schon bin ich da, wo ich eigentlich nicht hin wollte, n\u00e4mlich bei unbeabsichtigten, aber vielleicht auch unvermeidbaren Wortwiederholungen. Die Gedanken schie\u00dfen einem durch den Kopf, die Pilze schie\u00dfen aus dem Boden. \u00dcberhaupt wird auf dieser Welt zuviel geschossen, finden Sie nicht auch? Sie m\u00fcssen schon entschuldigen, da\u00df ich so \u00fcber Sie herfalle, aber da, wo ich war, hat man normalerweise nicht soviel Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das, was gesagt werden mu\u00df. Sie meinen, das sei \u00fcberall so? Vielleicht haben Sie recht. Ist es Ihnen denn auch schon so gegangen? Therapeuten zum Beispiel heucheln Verst\u00e4ndnis, denn das geh\u00f6rt nun einmal zu ihrem Beruf. Ich kenne ein paar, Therapeuten meine ich, wissen Sie, man trifft sich so in gesellschaftlichem Rahmen. Es mu\u00df ja immer mehr dieser Leute geben, weil es so viele arme Menschen gibt, Sie wissen schon, die mit dem Leben nicht mehr klar kommen. Das ging mir auch einmal so, das gebe ich offen zu, vielleicht haben Sie es auch schon bemerkt. Aber das ist heute keine Schande mehr, finde ich. Viele meiner Leidensgenossen &#8211; ich verwende diesen Ausdruck, obwohl ich mich selbst nicht als leidend ansehe. Das waren die anderen, die mich zu dem machten, was ich heute bin. Wo war ich stehengeblieben? Ach, nat\u00fcrlich, bei meinen Leidensgenossen, den sogenannten. Nun, mit diesen kann ich manchmal durchaus Gespr\u00e4che in der Art f\u00fchren, wie ich das gerne tue, Sie wissen schon, ein wenig Philosophie, das hei\u00dft das, was ich daf\u00fcr halte, ein wenig Lebensweisheiten, obwohl mir meine Gro\u00dfmutter immer sagte, weise w\u00fcrde ich nie sein, nicht einmal durch das Leben, denn wenn ich so ein b\u00f6ses M\u00e4dchen bliebe, w\u00fcrde ich niemals so alt werden wie sie. Nun, nachdem man die Todesstrafe abgeschafft hat, hat meine Gro\u00dfmutter nicht recht behalten, aber das konnte sie ja nicht wissen, da\u00df ich es soweit bringen w\u00fcrde. Ich meine, das wu\u00dfte ich auch nicht, und ich habe es auch nicht darauf angelegt, wie der Staatsanwalt den Geschworenen glauben machen wollte. Es ist einfach so passiert, und manchmal glaube ich, es war besser so. Nun, aufgrund verschiedener Umst\u00e4nde, ich denke, das h\u00e4ngt mit unserem Sozialstaat zusammen, bin ich nach dem Urteil erst einmal in dieser netten Klinik gelandet, weil sie glaubten, ich k\u00f6nnte mich bessern. Vielleicht h\u00e4tten sie recht gehabt. In einer Welt, die mit meinen Ma\u00dfst\u00e4ben messen w\u00fcrde, h\u00e4tten sie recht haben k\u00f6nnen. Aber es gibt wohl nicht viele Leute, die meine Ansichten teilen. Auch Sie, das mu\u00df ich zu meinem Bedauern sagen, haben nicht dazu geh\u00f6rt, und nun k\u00f6nnen Sie sehen, wozu das gef\u00fchrt hat. Da liegen Sie nun vor mir, mein Regenschirm steckt noch in Ihrer Brust und ich bin mir ziemlich sicher, da\u00df Sie sich nicht dar\u00fcber im Klaren sind, warum Sie mir heute begegnen durften und warum ich wieder einen R\u00fcckfall hatte, wie das meine Freunde, die Therapeuten nennen w\u00fcrden. Nun, wie dem auch sei, Sie sollten wissen, da\u00df man als junges M\u00e4dchen in Ihrem Alter nicht so herumlaufen sollte, so, wie Sie aussehen. Nein, ich meine jetzt nicht den Regenschirm in Ihrer Brust, wobei ich fast ein bi\u00dfchen stolz darauf bin, da\u00df dieser rote Regenschirm so gut zu Ihrer knallgr\u00fcnen Jacke pa\u00dft. Ja, ich suche mir meine Opfer schon ein bi\u00dfchen stilvoll aus. Nein, Opfer ist kein sch\u00f6nes Wort, da haben Sie recht, aber wissen Sie, es ist nun wirklich nicht m\u00f6glich, in dieser Zeit des Jahres mit einer gr\u00fcnen Jacke herumzulaufen. Es ist nicht die Farbe, nein, wirklich nicht. Ich meine, es ist nicht die Farbe der Jahreszeit, nat\u00fcrlich war die Farbe der Jacke schuld an Ihrem Ungl\u00fcck. Ach, was rede ich da, schuldig oder nicht schuldig, darum geht es nicht mehr. Darum kann es schon lange nicht mehr gehen. Und Ungl\u00fcck, was ist schon Ungl\u00fcck? Glauben Sie an eine geheime Schicksalsmacht? Da, wo Sie jetzt sind, bekommen Sie vielleicht die Antwort auf Ihre Fragen. Aber wer gibt mir Antworten? Fr\u00fcher dachte ich immer, ich k\u00f6nnte die Antworten von Leuten wie Ihnen bekommen. Aber leider waren sie immer so schweigsam, nachdem sie mir begegnet waren. Das mu\u00df an meinem Regenschirm liegen. Der kennt meine Stimmungen ganz genau, und wenn er merkt, da\u00df mir etwas nicht in mein Weltbild pa\u00dft, dann macht er sich selbst\u00e4ndig. Nat\u00fcrlich ist das nicht so, mein, mein ist die Hand, die ihn f\u00fchrt, und ich bin sehr froh, da\u00df mir meine Therapeuten erz\u00e4hlt haben, da\u00df es so ist. Denn wissen Sie, es kann einen schon verr\u00fcckt machen, wenn man denkt, man h\u00e4tte einen mordenden Regenschirm, und am Ende w\u00fcrde er einen im Schlaf erdolchen. Aber wenn man sich dann sicher sein kann, da\u00df man es steuern kann, findet man unheimlichen Gefallen an Leichen. An frischen Leichen nat\u00fcrlich. Wie, Sie finden das unheimlich? Oh, meine Therapeuten fanden das auch, und als diese gute Frau im Bl\u00fcmchenkleid meinte, sie m\u00fcsse mir zur Therapie meinen roten Freund mit der Metallspitze mitbringen, freute ich mich sehr, aber sie konnte meine Freude nicht teilen. Sie schaffte es nicht mehr, den Knopf zu dr\u00fccken, und nachdem ich rote Flecken auf ihr Kleid gemacht hatte &#8211; ich bin nicht schuld an den Flecken, w\u00e4re ich an der Sch\u00f6pfung beteiligt gewesen, h\u00e4tte ich das Blut mancher Leute durchsichtig gemacht, denn auf Bl\u00fcmchenkleidern sieht das immer so unordentlich aus &#8211; sprang ich aus dem Fenster und verlie\u00df den Park, der die Klinik umgibt. Und nun bin ich wieder in einem Park, und sch\u00f6n ist es hier. Sie, meine Liebe, waren auch einmal sch\u00f6n, bevor der Tod seine Fratze in Ihrem Gesicht zur\u00fccklie\u00df. Und bevor ich nicht wei\u00df, ob der Tod auch sch\u00f6ne Gesichter machen kann, kann ich leider nicht ablassen von meinem Freund, dem Regenschirm. Das verstehen Sie doch, nicht wahr? Nein? Oh, ich merke, ich kann Ihnen das nicht weiter erkl\u00e4ren, denn ich h\u00f6re sie kommen. Soll ich den Schirm stecken lassen und mir bei Gelegenheit einen neuen besorgen? Ach nein, meine Verfolger wissen Stil eh nicht zu sch\u00e4tzen, und so nehme ich ihn eben mit. Schade, da\u00df Sie nicht mehr sehen k\u00f6nnen, wie h\u00fcbsch Sie waren mit dem roten Schirm in Ihrer gr\u00fcnen Jacke. Aber es war nicht anders zu machen.<\/p>\n<p>Die Welt ist schlecht, nicht wahr? M\u00f6rder und Strauchdiebe \u00fcberall, man kann seines Lebens nicht mehr sicher sein. Oh ja, auch ich habe mich schon einmal verfolgt gef\u00fchlt, eben, im Park. Gef\u00e4hrliche Gegend, meinen Sie? Oh, das werde ich mir merken. Was tragen Sie eigentlich f\u00fcr einen Mantel? Finden Sie diese Farbe \u00fcberhaupt passend f\u00fcr die Jahreszeit?&#8220;<\/p>\n<p>(1997)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMan m\u00fc\u00dfte einfach viel \u00f6fter miteinander reden. Geht es Ihnen nicht auch so? 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