{"id":95,"date":"2012-08-26T17:32:37","date_gmt":"2012-08-26T16:32:37","guid":{"rendered":"http:\/\/andijah.wordpress.com\/?p=95"},"modified":"2012-08-26T17:32:37","modified_gmt":"2012-08-26T16:32:37","slug":"fur-ein-friedliches-miteinander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andijah.eu\/index.php\/2012\/08\/26\/fur-ein-friedliches-miteinander\/","title":{"rendered":"F\u00fcr ein friedliches Miteinander"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe lange \u00fcberlegt, ob ich Sie \/ Euch, liebe Leserinnen und Leser, an einer Kurzgeschichte teilhaben lassen soll, die ich vor gut 20 Jahren geschrieben habe. Aufgew\u00fchlt durch fremdenfeindliche Gewalttaten in unserem Land, habe ich damals einen Teil meiner Gef\u00fchle und meiner Ohnmacht in eine Geschichte gepackt. <\/p>\n<p>&#8222;Wenn Hass entsteht, wird nichts besser, aber alles schlimmer. Hass darf als Mittel der Konfliktl\u00f6sung niemals geduldet sein!&#8220; &#8211; Joachim Gauck hat das gesagt, so lese ich im Tagesspiegel [<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/rostock-lichtenhagen-fremdenfeindlichkeit-in-der-mitte-der-gesellschaft\/7056834-2.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/rostock-lichtenhagen-fremdenfeindlichkeit-in-der-mitte-der-gesellschaft\/7056834-2.html<\/a>] und es stimmt.<\/p>\n<p>Weil es stimmt, und weil mich die Geschehnisse immer noch ber\u00fchren, teile ich heute die kleine Geschichte mit Ihnen \/ Euch. Gewalt darf keine L\u00f6sung sein, selbst wenn uns das Andersartige noch so fremd und unverst\u00e4ndlich erscheint. Wir wollen alle ohne Angst leben und dieses Recht auch unseren Nachbarn zugestehen. Ein friedliches Miteinander ist mir wichtig, und daf\u00fcr setze ich mich ein. Jeden Tag.<\/p>\n<p>Wer sensibel auf Gewaltschilderungen reagiert, lese bitte sehr vorsichtig. <\/p>\n<p>1992 entstand diese kleine Geschichte:<br \/>\n<em>Der rote Schnee<\/p>\n<p>Wei\u00df. Alles wei\u00df. Staunend stand er in der klirrenden K\u00e4lte, im Schnee. Es war neu f\u00fcr ihn,<br \/>\ndieses wei\u00dfe kalte Etwas. Es war einfach da, \u00fcber Nacht gekommen, still und heimlich.<br \/>\nSchwarz zeichneten sich die Silhouetten der kahlen B\u00e4ume ab, schwarz, so wie er.<br \/>\nErst wenige Tage war er hier, hatte Schutz gesucht, Schutz vor den Greueltaten, denen er in<br \/>\nseiner Heimat ausgesetzt war. Er wu\u00dfte, hier war er sicher.<br \/>\nNoch immer staunend \u00fcber diese wei\u00dfe Welt schaute er sich um.<br \/>\nDa sah er sie.<br \/>\nEine Gruppe Menschen, die langsam n\u00e4her kamen. Sie hatten Kn\u00fcppel dabei.<br \/>\nEr sch\u00fcttelte den Kopf, kniff die Augen zu, \u00f6ffnete sie wieder. Wenn er nur diese<br \/>\nschrecklichen Tagtr\u00e4ume abschalten k\u00f6nnte, die ihn an zuhause erinnerten.<br \/>\nDie Gestalten kamen auf ihn zu, immer n\u00e4her. Es waren Wei\u00dfe. Einer schrie etwas. Er<br \/>\nverstand den Sinn der Worte nicht, doch pl\u00f6tzlich wurde ihm kalt.<br \/>\nEs war kein Traum.<br \/>\nEr sp\u00fcrte die K\u00e4lte, die vom wei\u00dfen Schnee kam; und er sp\u00fcrte den Ha\u00df, der von den<br \/>\nWei\u00dfen ausging. Ausging von denen, bei denen er sich sicher f\u00fchlen wollte.<br \/>\nImmer n\u00e4her kamen sie, schwangen drohend ihre Kn\u00fcppel.<br \/>\nEr begann zu laufen, weg, nur weg, schnell weg. Er rannte. Jetzt rannten auch sie, jagten<br \/>\nihn, hetzten ihn wie ein Tier. Schrien und johlten, kamen n\u00e4her und n\u00e4her.<br \/>\nEr keuchte, stolperte, fing sich wieder, lief um sein Leben wie schon so oft.<br \/>\nEr hatte Angst.<br \/>\nWagte nicht, sich umzudrehen. Wu\u00dfte nicht, wohin er lief. Wollte fliehen.<br \/>\nWu\u00dfte nicht, warum sie ihn jagten. Im Land der Sicherheit.<br \/>\nNun waren sie ganz nah. Er h\u00f6rte sie atmen, sp\u00fcrte f\u00f6rmlich ihre Schreie.<br \/>\nEr rutschte aus, fiel. fiel in den wei\u00dfen Schnee, schlug auf dem schneebedeckten Boden auf.<br \/>\nH\u00f6rte ihr Triumphgeheul wie Sirenen.<br \/>\nAufstehen, weg, nur weg von hier, dachte er.<br \/>\nDa waren sie \u00fcber ihm. Fassungslos starrte er sie an.<br \/>\nVon unten die K\u00e4lte des wei\u00dfen Schnees, von oben der Ha\u00df der wei\u00dfen Kn\u00fcppeltr\u00e4ger. Er<br \/>\nwollte schreien, bitten, betteln, doch kein Laut kam \u00fcber seine Lippen.<br \/>\nDa kamen sie, die Schl\u00e4ge, die brutalen Schl\u00e4ge, denen er hatte entfliehen wollen. Tritte,<br \/>\nSchmerzen, er kr\u00fcmmte sich, seine Augen flehten.<br \/>\nBlut tropfte von seinem Kopf, seinen Lippen, hinein in den Schnee, f\u00e4rbte ihn.<br \/>\nDer wei\u00dfe, unschuldige Schnee wurde rot, rot von seinem Blut.<br \/>\nEndlich lie\u00dfen sie von ihm ab, verschwanden.<br \/>\nK\u00e4lte, Schmerz. Sein K\u00f6rper ein einziger Schmerz. Blut.<br \/>\nUnd der Schnee fiel.<br \/>\nEr erhob sich m\u00fchsam auf die Knie.<br \/>\nSchmerzen.<br \/>\nUm ihn der Schnee. Der rote Schnee.<br \/>\nEr kroch auf allen Vieren, ein einsamer schwarzer Fleck vor den kahlen schwarzen B\u00e4umen.<br \/>\nGlocken l\u00e4uteten in der Ferne, l\u00e4uteten den Weihnachtsmorgen ein.<br \/>\nDer wei\u00dfe Schnee hatte seine Unschuld verloren. Er war rot geworden.<\/p>\n<p>Der Schnee war rot.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe lange \u00fcberlegt, ob ich Sie \/ Euch, liebe Leserinnen und Leser, an einer Kurzgeschichte teilhaben lassen soll, die ich vor gut 20 Jahren geschrieben habe. 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