Author Archives: Andrea Ha.

Advent, Advent, ein jeder rennt?

Noch eine Woche bis Heiligabend! Für die einen (meist sind sie unter 12 Jahren alt) eine herrliche Aussicht, für die anderen (meist über 18 Jahre alt) eine Zeit voller Stress und Hektik. Ich höre kaum, dass jemand die Adventszeit genießt. Da wird von Weihnachtsfeier zu Weihnachtsfeier gehetzt, da wird eingekauft, als ginge die Welt unter (nein, ich glaube nicht daran, dass das zu meinen Lebzeiten tatsächlich geschieht. Aber das ist ein anderes Thema), da werden Geschenke gejagt und kiloweise Plätzchen gebacken. Viele klagen über Stress, und ich frage mich: muss das sein?

Für mich ist die Adventszeit immer noch die staade Zeit, also, die stille Zeit. Ja, ich habe auch mal hektische Momente, weil z.B. im Job die Zeit nicht stehen bleibt und es für manche Themen einfach kein Weihnachten gibt, sondern nur Abgabetermine, aber ich versuche es insgesamt so ruhig wie möglich angehen zu lassen. Dazu gehört auch, dass ich mich nicht vom allgemeinen Tempo mitreißen lassen möchte. Ich besorge Geschenke für die Menschen, die mir wichtig sind. Aber ich mache das mit Ruhe und im Wissen, dass es wichtigere Dinge gibt als viele Päckchen unter oder neben dem Baum.

Die staade Zeit ist mir wichtig. Einfach mal sitzen und dem Kaminfeuer zuschauen. Adventslieder singen. An Menschen denken, denen es nicht so gut geht. Kuscheln. Bücher lesen. Gedanken machen. Plätzchen backen (zwei Sorten müssen genügen). Nette Worte mit den Nachbarn wechseln. Tagebuch schreiben. Und oft auch mal gar nichts tun.

Ganz oft habe ich in den letzten Tagen gelesen, dass sich Menschen die Adventszeit aus der Kindheit zurückwünschen, die voller Geheimnisse und Magie war. Ich denke, dass diese Zeit immer noch da ist, für jeden von uns. Wenn wir innehalten und die Ruhe und die Magie wieder zulassen, der geheimnisvollen staaden Zeit Raum geben, und die Erlaubnis, dass wir uns tief in uns drinnen einfach freuen dürfen, dann kommt diese Adventszeit wieder und der Glanz, der sie begleitet, strahlt für uns alle.

In diesem Sinne wünsche ich eine behagliche, wohlige und gesegnete staade Zeit!

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Musik zum Wohlfühlen und Nachdenken

Einer meiner Lieblingsliedermacher (wenn ich ihn denn so nennen darf) ist Wolfgang Buck (http://www.wolfgang-buck.de)
Als echdder Frangge spielt er hauptsächlich dort, aber manchmal fährt er ein Stück weiter und gibt ein Konzert in Hessen. Und dann bin ich dabei.

Zu Franken und dem fränkischen Dialekt habe ich ein besonderes Verhältnis. Es ist schwierig zu erklären, wo meine Heimat tatsächlich ist, so oft bin ich umgezogen in meinem Leben, aber Franken ist und bleibt Teil meiner Heimat und auch Teil meiner Geschichte. Ich mochte die Lieder von Wolfgang Buck, seit ich ihn vor vielen Jahren das erste Mal in Bayreuth im Gemeindehaus erlebte, als er noch als singender Pfarrer angekündigt war. Frömmelnd waren und sind seine Lieder nie, die Lieder, die vom Glauben oder von der Hoffnung handeln, sind einfach nur voller Poesie und Zuversicht, und manchmal auch, wie das im Leben ist, spürt man auch ein wenig Zweifel.

Dann gibt es kritische Lieder in Wolfang Bucks Repertoire, Lieder, die Fragen stellen, Lieder, in denen er unbequeme Wahrheiten besingt.

Und dann gibt es diese wunderbaren, wahren, überzeichneten, liebevollen und warmen Lieder übers fränggische Leben, die ich so mag, und die für mich immer ein Stück Zuhause spiegeln, auch wenn der Dialekt, den ich spreche, wenn mir nach Fränggisch ist, ein klein wenig anders ist als der vom Wolfgang Buck.

Warum ich das alles schreibe? Weil es jetzt eine neue CD gibt, an der ich mich nicht satthören kann, und weil der Wolfgang Buck einer der besonderen Menschen ist, der auch schwierigen und angstmachenden Themen wie Depressionen, Krankheit und Sterben ein Gesicht und eine Geschichte gibt und weil es wichtig ist, dass auch diese Geschichten erzählt und besungen werden.

Die Lieder sind übrigens auch für Nichtfranken bis auf wenige Ausnahmen gut verständlich. Wer mal reinhören mag, hat auf der Website von Wolfgang Buck Gelegenheit dazu.

Ich steck jetzt wieder die CD in den Plattenspieler 😉

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Nachbarschaft

An der Ostküste der USA tobte dieser Tage ein heftiger Sturm, der großen Sachschaden anrichtete und auch Menschenleben forderte. Überall in den Nachrichten Bilder von überfluteten Straßen, von Menschen, die evakuiert werden, einige Heldengeschichten, und viel Sensationsgier.
Gestern hörte ich jemanden sagen, das sei alles ja sehr tragisch, aber „wir in Mitteleuropa“ seien ja ungefährdet, es gäbe bei uns ja weder Sturmfluten noch Wirbelstürme und überhaupt könnten wir den anderen ja noch beibringen, wie man standfeste Häuser baue.
Ich denke nicht, dass wir uns über diejenigen stellen sollten, die gerade alles verloren haben. Niemand ist vor Unwettern und anderen Naturereignissen sicher. Und auch hier lohnt es sich, vorbereitet zu sein.

Häufig geht allerdings diese Vorbereitung mit großer Technikgläubigkeit einher. Dass man per sms informiert werden müsse, dass die Behörden über Twitter und andere Netzwerke Evakuierungsanweisungen geben müssten etc. Es gibt ja auch Versuche wie z.B. „Katwarn“, wo man sich eintragen kann und dann eine sms bekommt, wenn etwas los ist. Aber da man nur die Informationen für seinen Wohnort und nicht für den aktuellen Aufenthaltsort bekommt, sind solche Systeme ebenso störanfällig wie alles andere.
Was mir in der Diskussion fehlt, ist die menschliche Komponente. Und zwar die menschliche Komponente in Form von Nachbarn, die ja die meisten von uns haben, auch in der Stadt, nicht nur in der dörflichen Gemeinschaft.

Wer kennt denn seine Nachbarn tatsächlich? Wer weiß, wo diejenigen wohnen, die im Notfall helfen können, und wo diejenigen sind, die im Notfall Hilfe brauchen?
Wenn ich weiß, dass in meinem Haus jemand wohnt, der nicht hören kann, dann kann ich mich darum kümmern, dass er trotzdem informiert wird, wenn etwas passiert ist. Wenn ich weiß, dass meine Nachbarin nicht gut sieht, dann kann ich mich darum kümmern, dass ich sie mitnehme, wenn wir das Haus verlassen müssen. Wenn ich weiß, dass gegenüber ein Alleinerziehender mit zwei Kindern ist, dann kann ich auch da meine Hilfe anbieten.
Meine Nachbarn wissen, dass es bei uns Kerzen gibt. Und einen Gaskocher. Und ein Stromaggregat. Und einen großen Erste-Hilfe-Kasten. Und noch viel wichtiger ist es, dass wir voneinander wissen, dass wir im Notfall füreinander da sind. Egal, ob das jetzt der große Stromausfall ist, der Schneesturm oder einfach nur die geplatzte Wasserleitung im Bad.

Für Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft unter Nachbarn braucht es keine Behörde, keinen Social-Network-Alarmknopf und keine Aufforderung „von oben“. Das braucht einfach nur Menschen, die sich darauf einlassen. Und ich denke, dass das mindestens genauso viel wert ist wie technische Hilfsmittel. Wenn nicht sogar mehr.

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Landleben

Seit gut zehn Jahren lebe ich auf dem Land, in einem mittelgroßen Dorf mit einem Supermarkt, zwei Bäckereien, einer Apotheke und anderen Annehmlichkeiten.
Es ist eine schöne, ruhige Gegend.
Und ich wohne gern hier.
Ich mag es, abends nach Hause zu kommen und nie einen Parkplatz suchen zu müssen. Ich mag es, wenn der Nachbar frischen Apfelsaft keltert und wenn wir uns über die besten Möglichkeiten der Brennholzlagerung unterhalten. Ich mag es, wenn ich zum Gasskehren zwei Stunden brauche, weil es viel zu erzählen gibt. Ich mag es, wenn die Gänse drei Häuser weiter lauthals melden, dass jemand vorbeikommt. Ich mag meine Brombeerhecke und den Walnussbaum, und ich verstehe sogar die Leute, die mir bei der Ernte helfen, wenn ich nicht da bin (noch haben wir kein Gartentor, das erleichtert das wohl). Die Früchte sind nun einmal sehr lecker.
Ich mag die Pferde auf der Weide hinter unserem Garten und ich mag Nachbars Kater, der auch bei uns dafür sorgt, dass die Zahl der Mäuse sich in Grenzen hält. Ich mag die Fledermäuse, die abends auf die Jagd gehen, und ich mag unsere Mauersegler, auch wenn sie uns die Treppe dieses Jahr ordentlich vollgesch… haben.
All diese Dinge mag ich, und noch vieles mehr.
Ich habe lange Jahre in Städten gewohnt. In Großstädten, in Metropolen, in mittelgroßen Städten. Es war schön, ich mochte es gern. Und jetzt lebe ich eben auf dem Land und möchte es nicht missen.

Wie in allen Dörfern in unserer Region gibt es auch bei uns ein Neubaugebiet. Es unterscheidet sich nicht von anderen Neubaugebieten, die Häuser sind adrett und die Gärten klein. Direkt hinter dem Neubaugebiet gibt es Wiesen, Wiesen, Wiesen. Ein Teil davon wird als Regenrückhaltebecken genutzt. Da soll das Gras nicht zu hoch werden. Da gibt’s mehrere Möglichkeiten, und die Gemeinde entschied sich dafür, einem der örtlichen Landwirte anzubieten, die Wiese von einigen seiner Kühe mähen, sprich fressen zu lassen, anstatt mit dem Trecker herumzutuckern und Abgase in die Luft zu blasen.
Die Gemeinde hatte allerdings die Rechnung ohne einige Bewohner des Neubaugebietes gemacht. Diese beklagten sich über erhöhte Geruchsbelästigung (was müssen diese Kühe auch pupsen) und über Insekten. Was tat nun die Gemeinde?
Die Kühe weiter dort grasen lassen und den Bewohnern erklären, wie man Nisthilfen für Fledermäuse oder Mauersegler anbringt? (Das reduziert die Insektenquote erheblich).
Nein, das geschah nicht.
Statt dessen musste der Landwirt seine Kühe einfangen, und die Gemeinde mäht nun wieder mit dem Trecker.

Und ich frage mich, wann die ersten Beschwerden kommen, dass das Mähwerk zu laut ist oder dass die Insekten trotzdem weiterhin durch die Luft schwirren.

Den Menschen, die die kleinen Dinge des Landlebens als Störung empfinden, wünsche ich, dass sie sich trotzdem hier wohlfühlen. Denn irgendeinen Grund muss es gehabt haben, dass sie ihr Haus auf dem Land gebaut haben.

Für mich gibt es jedenfalls nichts Schöneres, als an einem Sonntagnachmittag im Garten spontan ein Lagerfeuer zu machen, den Wolken zuzuschauen und mich an den vielen Gerüchen und Geräuschen zu erfreuen, die die Natur um mich herum für mich macht.

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Aus meinem Bücherschrank: Quentin Bates

Ich liebe Bücher. Geschichten, Gedichte, Romane, Krimis, Thriller, Sachbücher, Fachbücher, Bilderbücher… schon in der Grundschule konnte ich vom Lesen nicht genug bekommen.
Ich erinnere mich, dass ich einmal nach Hause kam und es war niemand da und ich hatte keinen Schlüssel. Auf der Treppe lag jedoch ein Päckchen von meiner Tante an mich. Drinnen war unter anderem ein Buch. Da habe ich mich einfach hingesetzt und gelesen und habe mich so intensiv in die Geschichte entführen lassen, dass ich richtig erschrak, als meine Mutter plötzlich vor mir stand und fragte, ob ich nicht mit ihr ins Haus kommen wollte.

Besonders gerne lese ich Krimis. Klassiker von Dorothy L. Sayers und Agatha Christie ebenso wie Bücher von Deborah Crombie oder Yrsa Sigurðardóttir. Und weil ich auch Island mag, lese ich so einiges, was unter dem Stichwort Islandkrimi in die Regale kommt. Neben isländischen Autoren haben in letzter Zeit auch andere das Genre entdeckt. Einer ist z.B. Michael Ridpath, bekannt geworden mit Thrillern aus der Finanzwelt, aber über den wollte ich heute gar nicht erzählen. Ein anderes Mal.

Heute möchte ich von Quentin Bates sprechen, vielmehr von seinen Büchern. Quentin Bates, Journalist und Schriftsteller, mit dem passenden Spitznamen Gráskeggur, ein intimer Kenner Islands. Mehr zu ihm unter http://graskeggur.com/biography/

Quentin hat zwei lesenswerte Islandkrimis geschrieben, die deutschen Titel lauten „In eisigem Wasser“ und „Kalter Trost“. Die Hauptfigur Gunna ist erfrischend normal – zumindest so normal, wie es eine Polizistin und alleinerziehende Mutter eben sein kann. Die Geschichten sind aus dem Leben gegriffen. Wer die Entwicklung der isländischen Wirtschaft und Gesellschaft in den letzten Jahren verfolgt hat, wird einige der Hintergründe, die in Quentins Büchern auftauchen, wiedererkennen. Trotzdem sind die Geschichten reine Fiktion, und haben alles, was gute Krimis ausmacht: Charaktere mit Ecken und Kanten, jede Menge Verwicklungen, einen Haufen Verdächtiger und natürlich auch eine Auflösung. Die ist jedoch nie vorhersehbar, und es bleibt in beiden Büchern bis zum Schluss spannend.
Die Bücher spielen in der Hauptsache im Südwesten Islands, z.B. in der fiktiven Hafenstadt namens Hvalvík, und natürlich in Reykjavík – an der Hauptstadt kommt man einfach nicht vorbei.
Die Lebensbedingungen auf der großen Insel im Nordatlantik spielen immer eine Rolle, ebenso wie die Natur, doch nie drängen sie sich in den Vordergrund der Geschichten. Quentin versteht es bestens, den Blick von außen und den Blick von innen zusammenzubringen und hat zwei hervorragende Krimis geschaffen, die zeigen, dass das Thema Islandkrimi noch längst nicht ausgelutscht ist.

Quentins Krimis machen Lust auf mehr, und da ist es gut, dass er derzeit am dritten Roman schreibt. Ich freue mich schon darauf, auch diesen in meinen Bücherschrank zu stellen, natürlich nicht, ohne ihn vorher ausgiebig gelesen zu haben.

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Selbstgesetzte Grenzen

Ich bin keine große Sportlerin. Ich wandere gerne, ich fahre gerne Rad, ich schwimme gerne, aber das alles betreibe ich nicht ernsthaft, d.h. ich trainiere nicht regelmäßig, sondern ich mache es immer dann, wenn ich gerade Lust darauf habe.

Mitunter schaue ich aber gerne Sportlern zu, sei es live oder im Fernsehen. Ich habe da keine Präferenzen, was die Sportart angeht, auch wenn ich mit manchen Sportarten wenig anfangen kann und da recht schnell umschalte, wenn ich im Fernsehen drüber stolpere. Mit einer Ausnahme: Olympische und paralympische Spiele. Wenn ich Zeit habe und Wettkämpfe im Fernsehen übertragen werden, schaue ich zu. Egal, welche Sportart dran ist.

Dieses Jahr war wieder Olympia, und die Paralympics laufen gerade. Ich habe noch keine Wettkämpfe gesehen, aber ich verfolge die Berichterstattung und Kommentare im Netz.

Und da stolperte ich in diesen Tagen über einige Sätze in Diskussionsforen, die mich sehr nachdenklich gemacht haben.
Geschrieben wurde da z.B. „Ich schaue das nicht, das ist doch kein Sport“; „Müssen die das denn machen, das ist doch viel zu anstrengend“; „Das sind keine Menschen, sondern Cyborgs“ (gesagt über beinamputierte Läufer); „das beeinträchtigt mein ästhetisches Empfinden“.

Erst war ich sprachlos. Dann wütend. Und dann haben sie mir leid getan, die Menschen, die sich und ihrer Wahrnehmung solch enge Grenzen setzen. Natürlich, niemand muss sich Sportevents anschauen, wenn es ihn nicht interessiert. Aber welches Menschenbild, welches Bild in Bezug auf Hindernisse, Grenzen und Lösungen steckt hinter solchen Kommentaren? Wir werden alle (hoffentlich) einmal älter. Nicht jeder wird im Alter hübscher. Nicht jeder bleibt immer beweglich. Soll man sich deshalb verstecken? Weil irgendwo jemand sein könnte, dessen ästhetisches Empfinden gestört wird?

Ich meine, nein. Sicher, es gibt Grenzen. Manche lassen sich überwinden, andere nicht. Doch die Grenzen, die wir im Kopf haben, die brauchen wir nicht. Wenn ich offen bleibe für neue Wahrnehmungen, für andere Lebensentwürfe, für Ungewohntes, dann kann mir das auch für meine eigene Geschichte Impulse und Energie geben. Und das ist etwas, was ich für mich wichtig finde. Viel wichtiger als Schubladen, Vorurteile und Zuschreibungen.

Ich mag meine Komfortzone auch nicht immer verlassen. Aber ich bin jedes Mal stolz auf mich, wenn ich mich auf etwas Unbekanntes und Ungewöhnliches eingelassen habe. Und ich kann mich für andere freuen, besonders für Sportler, die erfolgreich sind, egal, ob sie nun gehend, schwimmend, rollend oder sitzend ihren Sport machen.

Kommunikation kann Grenzen überwinden, vor allem die Grenzen in den Köpfen. Vielleicht komme ich ja auch noch mit den Menschen ins Gespräch, deren Kommentare mich so nachdenklich machten.

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Für ein friedliches Miteinander

Ich habe lange überlegt, ob ich Sie / Euch, liebe Leserinnen und Leser, an einer Kurzgeschichte teilhaben lassen soll, die ich vor gut 20 Jahren geschrieben habe. Aufgewühlt durch fremdenfeindliche Gewalttaten in unserem Land, habe ich damals einen Teil meiner Gefühle und meiner Ohnmacht in eine Geschichte gepackt.

„Wenn Hass entsteht, wird nichts besser, aber alles schlimmer. Hass darf als Mittel der Konfliktlösung niemals geduldet sein!“ – Joachim Gauck hat das gesagt, so lese ich im Tagesspiegel [http://www.tagesspiegel.de/politik/rostock-lichtenhagen-fremdenfeindlichkeit-in-der-mitte-der-gesellschaft/7056834-2.html] und es stimmt.

Weil es stimmt, und weil mich die Geschehnisse immer noch berühren, teile ich heute die kleine Geschichte mit Ihnen / Euch. Gewalt darf keine Lösung sein, selbst wenn uns das Andersartige noch so fremd und unverständlich erscheint. Wir wollen alle ohne Angst leben und dieses Recht auch unseren Nachbarn zugestehen. Ein friedliches Miteinander ist mir wichtig, und dafür setze ich mich ein. Jeden Tag.

Wer sensibel auf Gewaltschilderungen reagiert, lese bitte sehr vorsichtig.

1992 entstand diese kleine Geschichte:
Der rote Schnee

Weiß. Alles weiß. Staunend stand er in der klirrenden Kälte, im Schnee. Es war neu für ihn,
dieses weiße kalte Etwas. Es war einfach da, über Nacht gekommen, still und heimlich.
Schwarz zeichneten sich die Silhouetten der kahlen Bäume ab, schwarz, so wie er.
Erst wenige Tage war er hier, hatte Schutz gesucht, Schutz vor den Greueltaten, denen er in
seiner Heimat ausgesetzt war. Er wußte, hier war er sicher.
Noch immer staunend über diese weiße Welt schaute er sich um.
Da sah er sie.
Eine Gruppe Menschen, die langsam näher kamen. Sie hatten Knüppel dabei.
Er schüttelte den Kopf, kniff die Augen zu, öffnete sie wieder. Wenn er nur diese
schrecklichen Tagträume abschalten könnte, die ihn an zuhause erinnerten.
Die Gestalten kamen auf ihn zu, immer näher. Es waren Weiße. Einer schrie etwas. Er
verstand den Sinn der Worte nicht, doch plötzlich wurde ihm kalt.
Es war kein Traum.
Er spürte die Kälte, die vom weißen Schnee kam; und er spürte den Haß, der von den
Weißen ausging. Ausging von denen, bei denen er sich sicher fühlen wollte.
Immer näher kamen sie, schwangen drohend ihre Knüppel.
Er begann zu laufen, weg, nur weg, schnell weg. Er rannte. Jetzt rannten auch sie, jagten
ihn, hetzten ihn wie ein Tier. Schrien und johlten, kamen näher und näher.
Er keuchte, stolperte, fing sich wieder, lief um sein Leben wie schon so oft.
Er hatte Angst.
Wagte nicht, sich umzudrehen. Wußte nicht, wohin er lief. Wollte fliehen.
Wußte nicht, warum sie ihn jagten. Im Land der Sicherheit.
Nun waren sie ganz nah. Er hörte sie atmen, spürte förmlich ihre Schreie.
Er rutschte aus, fiel. fiel in den weißen Schnee, schlug auf dem schneebedeckten Boden auf.
Hörte ihr Triumphgeheul wie Sirenen.
Aufstehen, weg, nur weg von hier, dachte er.
Da waren sie über ihm. Fassungslos starrte er sie an.
Von unten die Kälte des weißen Schnees, von oben der Haß der weißen Knüppelträger. Er
wollte schreien, bitten, betteln, doch kein Laut kam über seine Lippen.
Da kamen sie, die Schläge, die brutalen Schläge, denen er hatte entfliehen wollen. Tritte,
Schmerzen, er krümmte sich, seine Augen flehten.
Blut tropfte von seinem Kopf, seinen Lippen, hinein in den Schnee, färbte ihn.
Der weiße, unschuldige Schnee wurde rot, rot von seinem Blut.
Endlich ließen sie von ihm ab, verschwanden.
Kälte, Schmerz. Sein Körper ein einziger Schmerz. Blut.
Und der Schnee fiel.
Er erhob sich mühsam auf die Knie.
Schmerzen.
Um ihn der Schnee. Der rote Schnee.
Er kroch auf allen Vieren, ein einsamer schwarzer Fleck vor den kahlen schwarzen Bäumen.
Glocken läuteten in der Ferne, läuteten den Weihnachtsmorgen ein.
Der weiße Schnee hatte seine Unschuld verloren. Er war rot geworden.

Der Schnee war rot.

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Froh zu sein…

Wer erinnert sich noch an das Lied „Froh zu sein bedarf es wenig“?
Das war eines meiner Lieblingslieder in der Grundschule.
Aber es ist wohl in Vergessenheit geraten.
Radiomoderatoren überschlagen sich förmlich bei der Suche nach immer neuen schrecklichen Beschreibungen der aktuellen Situation. Und dabei geht es nur um Regenwetter und kühle Temperaturen.

Kollektives Jammern ist angesagt. Wenn ich sage, dass es mir gut geht, werde ich von manchen schräg angeschaut. Ja, es regnet. Ja, das Grundwasser steigt und in unserem Keller läuft die Pumpe. Dafür haben wir sie ja.
Es ist kühl, aber ich habe eine Jacke.
Den wenigsten von uns fehlt es an materiellen Dingen. Vielleicht wird deshalb so ausgiebig gejammert, gemöppert und gemotzt?
Ja, es gibt Menschen, denen es schlecht geht und die Hilfe brauchen. Unser Jammern aber bringt ihnen keine Hilfe. Und auch keinen Trost.

Worauf ich hinauswill? Wenn jeder auch nur einmal weniger pro Tag jammert und statt dessen diese Energie für andere einsetzt, geht es uns allen ein wenig besser. Sogar bei Regen. Und ich höre morgens lieber eine CD.

Wer zum Thema Regen mal eine andere Perspektive haben möchte und Englisch kann, lese hier bei Quentin Bates etwas über Regen im Nordatlantik:
http://graskeggur.com/blog/90/rainswept-paradise-the-faroe-islands-part-1-4

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Recommendation for lovers of handmade music

When it comes to music, I have a very broad range of styles that I like.
I listen to a lot of different types of music, and I like to keep an open mind and open ears. I’m not a specialist for certain styles, and I’m not one of those enthusiasts who would say more or less witty things like „Yes, this is just like I remember Sir Vincent Lancelot conducting the Royal Stately Wonderful Philharmonic at the Met“ or „Don’t you think Mork The Gork Ladidah and the Whatever Trio are overdoing it here when they end this song on Fmaj7?“

I like honest, authentic, handmade music.

My latest discovery is the Icelandic pianist Sunna Gunnlaugs (http://www.sunnagunnlaugs.com)

I ordered some of her CDs and am listening to this fantastic, first-class jazz over and over again. If you, dear reader, also like handmade music, make sure you treat your ears to Sunna and her music. Don’t expect any „easy listening“, but let yourself be taken away by pleasant, enjoyable sounds which don’t fail to surprise every now and then.

And if you have any recommendations for my hears, I’d love to hear from you.

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Eine Frage der Perspektive

Vor etwa anderthalb Jahren haben wir ein altes Haus gekauft. Es wurde irgendwann um 1780 erbaut, als Fachwerkhaus, wie das in dieser Zeit und in dieser Region so üblich war. In den 1950er Jahren wurde im Erdgeschoss ein Teil des Fachwerks durch Mauerwerk ersetzt, der Großteil des Hauses ist jedoch nach wie vor Fachwerk.
Eine grundlegende Sanierung war nötig, und so arbeiten wir nun schon seit vielen Monaten daran, das Haus wieder in einen bewohnbaren Zustand zu bringen. Von außen sieht es inzwischen auch schon fast fertig aus, es fehlen nur noch die Fensterläden.
Drinnen ist es noch eine große Baustelle. Zum Beispiel besteht unser Bad im Moment aus einem Waschbecken, einem Heizkörper, einem WC und einem Quadratmeter Fliesen ums WC. Wo die Dusche sein wird, kann man schon sehen, aber sie ist eben noch nicht da, und die Fliesenlegerei ist noch lange nicht beendet.

Vor kurzem hatten wir Besuch. Einer der Gäste, nennen wir ihn Lukas, ist 5 Jahre alt. Lukas begutachtete alles und fragte dann: „Sag mal, Mama, warum machen die eigentlich das schöne Haus innen drin so kaputt?“

Im ersten Moment Stirnrunzeln auf Seiten der Erwachsenen, doch dann entspann sich eine interessante Diskussion darüber, wie viel Wahrheit in Lukas‘ Frage steckt, und wer überhaupt bestimmt, was die Wahrheit ist, die wir sehen, oder was wir für die Wahrheit halten.

Die Welt ist nicht immer so, wie sie scheint. Manchmal lohnt sich ein Perspektivenwechsel – vielleicht lasst Ihr Euch / lassen Sie sich einfach mal von Lukas inspirieren, liebe Leserinnen und Leser 🙂

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