Heute ist der 5. Mai. Da war doch was mit Europa, wird jetzt vielleicht der*die ein oder andere sagen. Und das stimmt auch. Am 5. Mai 1949 wurde der Europarat gegründet. Und seit den 1990ern (ich habe dazu unterschiedliche Jahre gefunden, deshalb kann ich es nicht genau sagen) ist der 5. Mai der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.
Als ich heute die Lokalzeitung aus dem Briefkasten holte, sprang mir in großen Lettern der Hinweis entgegen, dass heute der Tag des Lokaljournalismus ist und dass sich bundesweit viele Zeitungen daran beteiligen, um auf die Wichtigkeit und die Leistungen des Lokaljournalismus aufmerksam zu machen. Ich finde das grundsätzlich begrüßenswert, aber: muss dieser Tag ausgerechnet am 5. Mai stattfinden?
Denn zumindest in unserer Lokalzeitung führte das dazu, dass Menschen mit Behinderung (mal wieder?) nur eine Randnotiz geschenkt wurde, und das auch noch mit der Meldung, dass sich viele von ihnen diskriminiert fühlen.
Unüberhörbar ist der Titel eines Buchs, das ich seit ein paar Tagen lese. Die Autorin ist Katrin Aimee und der Untertitel ist „Gehörlos, weiblich, unbequem – über Ableismus, Wut und Widerstand“. Ich hatte dieses Buch überhaupt nicht auf dem Schirm und da ich nicht bei Instagram bin, hatte ich auch von Katrin Aimee bisher nichts gehört. Aber manchmal hilft der Zufall mit. Bei der Autorenwelt, wo ich sehr gerne Bücher kaufe, gibt es regelmäßig signierte Bücher und ich stöbere ab und zu durch diese Liste und schaue, was es alles gibt. So kam ich dann auch auf „Unüberhörbar“. Ich bestellte das Buch, es kam an, ich legte es erstmal auf den Stapel „für irgendwann“.
Doch dann blätterte ich darin und begann, das Vorwort zu lesen. Und das erste Kapitel. Und das zweite. Und schnell war klar, dass ich es gleich lesen möchte und nicht irgendwann. Ich bin zwar noch nicht ganz damit durch, aber es ist mir wichtig, gerade heute auf das Buch aufmerksam zu machen und es zu empfehlen.
Katrin Aimee schreibt, der Titel „Unüberhörbar“ könne ableistisch bzw. audistisch ankommen und das sei ihr auch bewusst, doch sie hätte sich dafür entschieden, um die Ambivalenz und das Zwischen-allen-Stühlen-sein als Frau mit Behinderung auszudrücken und ich finde das nachvollziehbar. Vor allem lädt es dazu ein, einmal nachzudenken, wo und wie „leicht“ uns ableistische Ausdrücke im Alltag über die Lippen gehen. Zack, getippt und gedacht, hoppla, dieser Ausdruck kann audistisch verstanden werden! Ich möchte ihn dennoch stehen lassen und in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass Gehörlose viele Jahre lang darunter litten und auch heute noch leiden, dass sie für „stumm“ gehalten werden, nur weil sie die Lautsprache nicht oder kaum sprechen. Ich kann als Musikerin auch nur als Ally darüber schreiben und möchte mir keinesfalls anmaßen, das im Detail erklären zu können, aber es ärgert mich regelmäßig, dass regelmäßig so getan wird, als sei die Lautsprache die einzige Möglichkeit. Wusstet Ihr, dass die Gebärdensprache an Gehörlosenschulen lange Zeit sogar verboten war und dass sie in Deutschland erst seit 2002 als eigenständige Sprache anerkannt ist? Amtssprache ist sie übrigens noch nicht – ein weiterer Grund dafür, warum der 5. Mai als Protesttag wichtig ist und bleibt und warum ich es wirklich schwierig finde, dass ausgerechnet dieses Datum für den Lokaljournalismus gewählt wurde.
Ein Hinweis zum Schluss: bitte achtet bei Videos immer auch auf Untertitel und bei Podcasts auf ein Transkript zum Nachlesen. Das hilft nicht nur Menschen, die schwerhörig oder gehörlos sind. Macht Bildbeschreibungen (Alternativtexte)! Die helfen auch nicht nur Menschen, die sehbehindert oder blind sind. Seid aufmerksam, wenn Menschen mit Behinderung darüber sprechen, wie ihr Alltag aussieht, wo sie Probleme haben und wie ihr unterstützen könnt. Ich bin auch noch auf dem Weg und mache sicher nicht alles richtig oder denke immer alle mit, doch es ist keine Lösung, gar nichts zu tun.
Danke fürs Lesen des Beitrags!